Kopfbild Anno

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Sein Leben

Figur des heiligen Anno II. in der Abteikirche
Figur des heiligen Anno II. in der Abteikirche

Für die einen war Anno der Inbegriff eines Tyrannen, für andere ein wahrhaft heiliger Bischof. Eines steht fest: Anno ist ein Kind seiner Zeit – geprägt durch tiefe Einschnitte in seinem Leben. Doch, was wissen wir über ihn? 

Es dürfte wohl um 1010 gewesen sein, als Anno in Schwaben das Licht der Welt erblickte. Seine Familie, die Freiherren von Steußlingen, waren entfernt mit dem späteren Kölner Erzbischof Rainald von Dasseln verwandt. Wir erinnern uns: Rainald von Dasseln brachte die Gebeine der heiligen drei Könige 1164 von Mailand nach Köln. Anno wuchs zusammen mit sieben Geschwistern, wovon einer der fünf Brüder später Erzbischof von Magdeburg wurde, auf der Burg im schwäbischen Donautal auf. Seine Kindheit war bestimmt von der damaligen höfischen Ausbildung in den ritterlichen Tugenden: Reiten, fechten, und so weiter. Einen ersten Einschnitt erlebte Anno 1021, als sein Onkel, der Bamberger Kanoniker war, ihn heimlich aufforderte, die Burg zu verlassen, um in die Bamberger Stiftsschule St. Stephan einzutreten. Bamberg war damals ein politisches und religiöses Zentrum, weihte doch Papst Benedikt VIII. zusammen mit 72 Bischöfen 1020 in Anwesenheit des Kaisers, die Stiftskirche von St. Stephan. Mit Begeisterung, so berichtet uns die Anno-Vita, folgte Anno seinem Onkel und ging in die Lehre Egilberts, des späteren Bischofs von Minden. Im Alter von 20 Jahren verließ Anno die Bamberger Schule, um nach Paderborn zu wandern, wo er sein Studium mit großem Eifer fortsetzte. Die Bekanntschaften von Paderborn, unter anderem mit dem späteren Bischof Friedrich von Münster, hielten ein Leben lang an und verhalfen Anno zum Amt des Domscholastikus. Ein Domscholastikus war der Leiter einer Stiftsschule und musste nicht zwingend aus dem Hochadel (damals ein wichtiges Kriterium für viele Ämter) stammen, somit ergab sich auch für Menschen „niederer“ Geburt die Chance, Ratgeber von Bischöfen zu werden. Im Auftrag seines Bischofs Suidger reiste Anno nach Rom, wo er die Machtkämpfe dreier italienischer Familien um den Stuhl Petri miterleben musste. Die Kirche war gespalten, Ämter wurden gekauft, Päpste gewählt, abgesetzt, ermordet oder durch Gegenpäpste handlungsunfähig gemacht. In dieser Zeit der kirchenpolitischen Wirren lernte Anno den frommen Kaiser Heinrich III. kennen. Kaiser Heinrich glaubte, dass sich die Kirche nur durch ein reformiertes Mönchtum retten könne und sich der Stuhl Petri mit dem Kaiserthron zu einer heiligen Allianz zusammenschließen müsse. 

1046 geschah der nächste Einschnitt im Leben Annos: Aus seinem geistlichen Vater, Bischof Suidger, wurde Papst Clemens II., indem Heinrich III. den italienischen Machtkämpfen ein jähes Ende bot; erklärte er doch einfach die drei rivalisierenden Päpste für abgesetzt. Papst Clemens II. behielt sein Bistum Bamberg, wo er auch nach seinem nur 10 Monate dauernden Pontifikat beigesetzt wurde. Sein kurzes Pontifikat war von Heinrichs Traum der heiligen Allianz zwischen Papst und Kaiser tief geprägt, realisierte Clemens doch diese gewünschte Zusammenarbeit. Einer solch mächtigen Vereinigung verdankt Anno seinen raschen Aufstieg, denn Heinrich III. muss zu jener Zeit auf ihn Aufmerksam geworden sein. Er, der demütige Domscholastiker, begegnet dem damals mächtigsten Herrscher des Abendlands. Heinrich fand Gefallen am gebildeten und doch schweigsamen Anno und nahm ihn in seine Hofkapelle, der Schmiedestätte zukünftiger Bischöfe, auf. Man darf nicht vergessen, dass der Kaiser das Privileg besaß, Bischöfe zur Wahl vorzuschlagen und gegebenenfalls auch einzusetzen. Dieses Privileg sollte seinem Sohn und Nachfolger, Heinrich IV. zum Verhängnis werden…

Anno II. setzt den Siegburger Abt Erpho ein
Anno II. setzt den Siegburger Abt Erpho ein

Anno wurde für fünf Jahre in die Königspfalz Goslar versetzt, wo er 1054 Propst des Reichsstifts „St. Simon und Juda“ wurde. Der allerchristlichste Kaiser, wie sich Heinrich gerne nannte, übertrug Anno politische Aufgaben und sandte ihn 1056 nach Köln, wo er als sein Vikarius dem sterbenden Erzbischof Hermann II. beistand. In diesem Jahr sollte auch der bis dato größte Einschnitt im Leben Annos geschehen: Hermann II. hauchte am 11.02.1056 sein Leben aus und Heinrich III. ernannte Anno zu dessen Nachfolger. Diese Erhebung war wie ein Erdbeben. Anno, aus niederem Adel, bestieg einen der mächtigsten Bischofsthrone im Reich. Es ist kein Geheimnis, dass sich ein Herrscher nur dann seiner Macht sicher sein konnte, wenn er strategisch wichtige Posten mit vertrauenswürdigen Personen besetzte, die ihn unterstützten und verteidigten. Anno war für Heinrich nicht nur irgendein unbedeutender Mann aus Schwaben, nein, er war sein persönlicher Beichtvater. 

Annos Strenge, insbesondere seine Bußübungen waren bei allen gefürchtet. Dessen war sich der Kaiser durchaus bewusst, musste er doch einmal 33 Pfund Silber an Arme zahlen, nachdem Anno ihm die Beichte abgenommen hatte. Selbst für den Kaiser eine riesige Summe. An Mariae Geburt, dem 08. September 1056, weilte Anno zusammen mit dem Kaiser und Papst Viktor II. in Goslar, wo vier Wochen später Heinrich unerwartet im Alter von 39 Jahren verstarb. Dieser Tod markierte einen weiteren seelischen Wendepunkt für Anno, genoss er doch beim Kaiser höchstes Vertrauen und tiefe Zuneigung. Dieses besondere Band an Verbundenheit lebte nach dem Tode Heinrichs weiter: so richtete Anno jährliche Gedächtnisfeiern und Armenspenden zu seinen Ehren ein. 

Der wichtigste Herrscherthron war verwaist, der nächste Anwärter, König Heinrich IV., war erst sechs Jahre alt. Die Witwe Heinrichs III., Kaiserin Agnes, galt als fromme, aber naive Frau. Sie wusste nichts von den Belangen des Reiches und sah die drohenden inneren und äußeren Gefahren durch die Herzöge nicht. Die Angst zog durch die deutschen Lande und selbst der päpstliche Stuhl sah sich gefährdet, war doch der Kaiser ein Garant für Schutz und Beständigkeit. Die römischen Adelsfamilien konnten die Schmach der Absetzungen nicht vergessen und zählten bereits Papst Viktors Stunden. 

Anno erkannte die drohende Krise, fürchtete er doch um den Frieden. So trafen sich der gesamte Episkopat 1057 am königlichen Hof, wo Kaiserin Agnes ihren Kaplan Gundekar zum Bischof von Eichstätt erhob und sich die Bischöfe, in Anwesenheit der weltlichen Fürsten, schützend um die Kaisern stellten. Aber die folgenden Jahren bewiesen, dass Agnes nicht fähig war, den künftigen Kaiser zu erziehen und so kam es zu dem Ereignis, dass in die Geschichte eingehen sollte. 

Der Staatsstreich von Kaiserswerth

Es war bekannt, dass der junge König großes Interesse für die Schifffahrt hatte und so besuchte Anno, zusammen mit dem Herzog Otto von Bayern, im Frühjahr 1062 die kaiserliche Familie mit dem schönsten Schiff Kölns. Nach einem üppigen Mahl lud der Kölner Erzbischof König Heinrich IV. zu einer Besichtigung des Schiffes ein. Nichts ahnend folgte Heinrich den Besuchern auf ihr Schiff. Kaum an Bord, begannen die Ruderer, dass Schiff in Gang zu bringen und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Heinrich erkannte den Hinterhalt, sprang über Bord und wäre beinahe ertrunken, wenn nicht ein Graf beherzt hinterher gesprungen wäre und ihn rettete.

Die Geschichte beurteilt dieses Ereignis sehr unterschiedlich. Als Kölner Erzbischof, Reichsverweser und Erzkanzler Italiens sah sich Anno zu diesem Schritt gezwungen. Er brachte den Jungen nach Köln, wo er sein Lehrer und Mentor wurde. Allerdings brachte der König nicht all soviel Liebe für die Bußstrenge Annos auf, wie sein Vater. Aber Anno war von seinem Vorhaben überzeugt. So wurden die Reichsinsignien nach Köln gebracht, die Kaiserin Agnes zog sich auf ihre Güter zurück und fortan wurden die Geschicke des Reiches in Köln entschieden. Da der König noch nicht die Mannbarkeit erlangt hatte, wurde Anno als sein Vormund tätig und übte die Regierungsgeschäfte aus.

Man darf die Bedeutung dieser Taten nicht unterschätzen. Die Ideale Heinrichs III. von Thron und Altar wurden durch Anno gefestigt, nachdem sich Agnes durch eine ungeschickte halbherzige Ernennung Honorius II. zum Gegenpapst, schismatisch an Kirche und Reich betätigte. Anno rettete die Einheit der Kirche durch den Staatsstreich von Kaiserswerth und durch die Synode von Mantua, wo bestätigt wurde, dass sowohl Anno, als auch der regierende Papst Alexander II. rechtmäßig inthronisiert wurden. Damals galt der Vorwurf der Simonie (Ämterkauf) durch Papst Alexander II. Der Papst verneinte diese Aussage und wollte sich bei König Heinrich IV. für weitere Vergehen entschuldigen, wenn dieser anlässlich seiner Kaiserkrönung nach Rom käme. Dieses Versprechen stimmte die Synode von Mantua zufrieden und sie setzten den Gegenpapst Honorius II. 1064 ab. Anno ging als der große Sieger der Kirche hervor, jedoch wuchs der Widerstand in seinem Reich, allen voran beim Bremer Erzbischof Adalbert. Annos Neffe Kuno, der Erzbischof von Trier, wurde vor der Inthronisation von einem Felsen in den Tod gestürzt. Diesen Verlust konnte Anno nicht verkraften. Er ließ jedoch von seinen Racheplänen ab und band Erzbischof Adalbert mit in die Erziehung Heinrichs IV. ein. 1065 wurde Heinrich IV. für mündig erklärt und er zögerte nicht, seinen Haß gegen Anno freien Lauf zu lassen. Anno sollte für seinen Kindesraub büßen. Kurz nachdem er die Schwertweihe, als Zeichen seiner Macht, erhalten hatte, wandte er die Klinge gegen Anno. Hätte seine Mutter Agnes nicht eingegriffen, wäre die weitere Geschichte anders verlaufen. Heinrich regierte von nun an willkürlich, ließ den Papst bei seinem Kampf gegen die Normannen im Stich und verfiel dem Erzbischof von Bremen. Anfang 1066 wurde Adalbert auf Drängen Annos aus der Reichsversammlung entfernt und verjagt. Heinrichs Politik, insbesondere der Burgenbau in Sachsen zog ab 1070 eine solche Fülle von Verwicklungen mit sich, dass Anno 1072 den König bat, ihn aus Rücksicht auf „sein Alter“ von den Staatsgeschäften zu befreien, was Heinrich mit Genugtuung bewilligte. Des Königs Laufbahn sollte später mit dem Investiturstreit und dem Gang nach Canossa seinen Höhepunkt nehmen, ja sein Schicksal besiegeln, denn der ehemalige Mönch Hildebrand, nun Papst Gregor VII., strafte die eigenwillige Politik Heinrichs IV. mit dem gefürchteten Kirchenbann.

Anno hingegen zog sich 1074 mit der Beschlagnahmung eines Schiffs für den Bischof von Münster und seiner eigensinnigen Territorialpolitik den Zorn der Kölner Bürger zu. Es kam zum Aufstand und Anno musste fliehen. Jedoch kehrte er mit Truppen aus Neuß zurück und ließ die Anführer des Aufstandes in Köln mit dem Schwert blenden. Dieses Ereignis ist den Kölnern bis in die heutige Zeit im Gedächtnis. Doch, wie konnte bloß so ein Mann heilig gesprochen werden? Das Leben Annos bestand aus zwei sich scheinbar konkurrierenden Seiten: Zum einen aus der politischen Stellung und zum anderen aus seinem religiösen Eifer. Worin bestand sein Glaube, was waren seine Motive? 

Anno zog sich damals immer mehr in seine Lieblingsgründung Siegburg zurück. Er wollte das Kloster nur verlassen, wenn unmittelbare Gefahr drohen würde. Anno zeichnete sich auch durch sein besonderes Hirtenamt aus. Er gründete zwei Stifte (St. Georg und St. Maria ad gradus), sowie drei Klöster (Grafschaft, Saalfeld und Siegburg) als Zentren und Hochburgen der vorgregorianischen Reform. Das Kloster Siegburg auf dem Michaelsberg war Annos Stammkloster. Um 1059 wurde der Berg als Buße für Aufstand und Plünderung an Anno übergeben. 1064 stiftete Anno das Benediktinerkloster und erbat sich von Heinrich IV. die Schenkung und von Papst Alexander II. 1066 die Erhebung zur Abtei. Am 22.09.1066 wurde die Abteikirche von Anno geweiht und Mönche aus St. Maximin in Trier zogen ein. Annos regelmäßige Besuche in der Abtei zeigten sein reges Interesse am Mönchtum, jedoch stellte er bald fest, dass es Ermüdungserscheinungen in der monastischen Zucht gab. Annos hohe Ideale und sein Drang nach Perfektion veranlassten ihn, nach einem Besuch im Reformkloster Fruttuaria 12 Mönche mit nach Siegburg zu nehmen. Zudem stärkte Anno die Siegburger Abtei durch Reliquienschenkungen. So stahl er zum Beispiel Nachts die Reliquien des Hl. Mauritius, nachdem er den Wächter bestochen hatte. 

Aber auch die Privilegien Heinrichs IV., sowie der Eifer der neuen Mönche machten die Abtei zu einem neuen geistigen Zentrum. Es war das Verdienst von Erzbischof Anno, dass sich viele Klöster der Siegburger Reform anschlossen und sich das monastische Leben mit neuem Elan erfüllte. Siegburgs Konvent wuchs rapide an und bot Anno die Zufluchtsstätte des Glaubens, die er in seinem Leben suchte. Er wählte in der Abteikirche seine letzte Ruhestätte und kurze Zeit später sollte Anno seinen letzten Pilgerweg antreten. 

Dem Sterben nahe, zogen die Heiligtümer Kölns am Erzbischof vorbei und es waren Siegburger Mönche, die Anno bei seiner Heimkehr in das Reich Gottes begleiteten. Nach seinem Tode wurde sein Leichnam in den Kölner Kirchen aufgebahrt und – trotz Widerstand – am 11.12.1075 in Siegburger Abteikirche beigesetzt. Diese Beisetzung und die bald einsetzende Verehrung Annos markierten den letzten Wendepunkt im Wirken des Erzbischofs von Köln. Es scheint kurios: Auf der einen Seite wurde Anno zu Lebzeiten gehasst und verachtet, auf der anderen Seite wurde er nach seinem Tode als Heiliger verehrt. Die eigentliche Würdigung seines Lebens war die Heiligsprechung 1183 durch den Kardinalpriester Johannes von Anagni und Bischof Peter von Luni in der Siegburger Abteikirche. Als besonderes Vermächtnis und als stummer Zeuge können wir noch heute in der Anno-Kapelle den Anno-Schrein bewundern. 

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Aber nicht nur die Geschichte kommt zu Wort. Man erfährt etwas über die Wege, den Weinbau, über eine Irrenheilanstalt, ein Zuchthaus und sogar eine Drahtseilbahn, die Ende des 19. Jahrhunderts Material auf den Berg hinaufschaffte. Es geht hinunter in den Untergrund zu den Wolsdorfer Brocken und zum Schluss stoßen wir mit einem Gläschen Siegburger Abteiliqueur an und sagen: Ein wunderschönes Buch über das Herz einer wunderschönen Stadt. 

Oben auf dem Berg 
Die Geschichte der Abtei und des Michaelsberges in Siegburg 

ISBN: 3-936256-31-4