Kopfbild Annoschrein

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Der Anno-Schrein

Von dem Wunsch der Heiligsprechung Annos, bis zur eigentlichen Erhebung vergingen mehrere Jahre turbulenter Reisen und verzweifelter Gespräche. In Rom zeigte man sich zum Beispiel überrascht, dass aus Deutschland nicht nur Krieger, sondern plötzlich auch Heilige hervorkommen sollten. Während dieser Zeit des Hoffens und des Vermittelns muss auch unser Anno-Schrein in der Schule des berühmten Nikolaus von Verdun entstanden sein, denn wir haben zu Beginn gelesen, dass der Schrein bereits 1183 fertig gestellt war. Nikolaus von Verdun ist den Kölnern nicht ganz unbekannt, schuf er doch den Schrein der heiligen drei Könige. Schreine haben nicht nur die Funktion eines prächtigen Sargs, damit würde man die theologische und historische Bedeutung von diesen sakralen Kunstwerken unterschätzen, nein, sie waren Abbilder des himmlischen Jerusalems. Zur Zeit der Entstehung des Anno-Schreins lag die Christenheit im Kampf um das irdische Jerusalem: Saladin nährte sich mit schier unaufhaltsamer Macht dem Königreich Jerusalem, die Kreuzritter konnten ihm nicht Standhalten. In Europa zogen die Kreuzzugsprediger durchs Land und forderten von den Mitbürgern vollen Einsatz und Buße für das Reich Gottes. Pilgern und Kämpfen waren damals zwei sich ergänzende Methoden zur ewigen Seeligkeit. Die verunsicherte Christenheit brauchte Sinnbilder, brauchte standhafte Heilige und Orte des Gebetes; Orte, wo Gott unter den Menschen wohnte. Wallfahrtsorte mit ihren Schreinen boten solche Zufluchtsstätten. In der Offenbarung des Johannes lesen wir im 21. Kapitel:

Portal zum Annoschrein in der Abteikirche

„Und einer der sieben Engel zeigte mir auf einem großen, hohen Berg die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, (…). Sie glänzte wie mit Edelsteinen, ihre Mauern waren aus Jaspis gebaut, die Stadt selbst war aus purem Gold. Die Grundmauern der Stadt waren mit Edelsteinen aller Art geschmückt. Die zwölf Pfeiler der Stadt stellten die Apostel da.“ 

Wenn wir nun diese Vision des Johannes mit unserem Schrein vergleichen, finden wir die Erklärung für die wundervolle Pracht und die filigrane Ausarbeitung. Schreine stellten die triumphierende Universalkirche da. Sie bezeugten den suchenden und verzweifelten, kranken und verlassenen Menschen ein besseres Leben im Reiche Gottes. Das irdische Leben ist nichts im Vergleich mit der himmlischen Pracht im Kreise aller Heiligen. Schreine sind ein einziges Credo. Sie bezeugen die Wirklichkeit der Nähe Jesu Christi und bieten einen kleinen Einblick in die Ewigkeit. Alles, was auf den Schreinen abgebildet ist, entstammt nicht einer künstlerischen Willkür, sondern war Ausdruck lebendigen Glaubens. Schreine wurden, wie einst die Bundeslade, bei Prozessionen durch die Städte getragen. Hin zu den Menschen. Gott ist gegenwärtig. Sein Bund gilt für alle Zeiten. Das himmlische Jerusalem ist euch sicher. Diese Sichtweise ist uns heutigen Menschen leider teilweise entfallen.

Der Annoschrein in der Würdigung der Wissenschaft

Der Corpus des Anno-Schreins ist aus Eichenholz (Quercus speculus) gefertigt und misst eine Länge von 154cm, eine Breite von 43cm und eine Höhe von 60cm. Er wiegt mit Reliquienlade und allen Beschlägen an die 250Kg. Die Gestalt des Holzkerns entspricht bis auf die eingestellten Säulen und die aufgesetzten Kämme und Knäufe, der des beschlagenen Schreins. Der Schrein wurde in Form einer romanischen Basilika errichtet und besteht aus gesägten Brettern, die mit Dübeln zusammengesteckt wurden. Auf dem Holzkern kann ein System von Riss- und Anrisslinien vom Zusammenbau nachgewiesen werden. Zudem finden sich noch die original mittelalterlichen Markierungen, welche mit einem Punzen oder Stechbeitel im römischen Zahlenmodus aufgebracht wurden. Man weiß, dass zwei unterschiedliche Goldschmiede am Schrein gewirkt haben müssen, da sich die Apostel- und Evangelistenfiguren von ihrer künstlerischen Ausgestaltung unterscheiden. Diese Arbeitsteilung ist für die Zeit nicht ungewöhnlich, mussten doch die Schreine innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung stehen. Alle Figuren und Muster entstammen der Romanik, am deutlichsten erkennt man dies an den Kleeblattförmigen Bögen zwischen den Aposteln. Durch eine Plünderung zur Zeit Napoleons sind alle plastischen Figuren und die Reliefs auf dem Dach des Schreins vernichtet worden. Dank der so genannten „Belecker Bilder“, die vor der Plünderung erstellt wurden, wissen wir, was auf dem Schrein dargestellt wurde. Auf der vorderen Giebelseite saß der heilige Anno in der Mitte, flankiert von zwei Engeln mit Stab (Symbol der Hirtengewalt) und Buch (Symbol des Lehramtes) in den Händen. Über allem thronte Christus, als der Weltenrichter. Der rückwärtige Giebel zeigte die Gottesmutter mit zwei Märtyrerinnen. Auf der einen Längsseite befanden sich sechs heilige Kölner Bischöfe: Maternus, Severin, Evergislus, Kunibert, Agilolf und Heribert. Auf der gegenüberliegenden Längsseite waren die sogenannten „sechs Siegburger Märtyrer“ zu sehen, von denen einst Reliquien in der Abteikirche aufgebahrt wurden: Mauritius, Innozentius, Benignus, Viktor, Vitalis und Demetrius. 

Foto des Schreins des heiligen Anno in der Kirche der Abtei Michaelsberg
Schrein des heiligen Anno

Die Dachreliefs zeigten chronologisch geordnete Szenen aus dem Leben des heiligen Anno, darunter die Gründung von St. Georg in Köln, was auf deren Beteiligung zur Finanzierung des Schreins schließen lässt. So ließ es sich der damalige Abt Gerhard von St. Georg auch nicht nehmen, mit auf dem Relief abgebildet zu werden. Die eingesetzten Säulen am Schrein sind, zusammen mit allen Emailarbeiten, aus Grubenschmelz, einer im Rhein-Maas-Gebiet verbreitete Technik, deren Wissen um die Herstellung verloren gegangen ist. Sie zeigen unter anderem florale Motive und werden von Edelsteinen unterbrochen. Die Kapitellen der Säulen werden von den Evangelisten und Aposteln flankiert. 

Der Schrein wurde einst von 56 (7 x 8 Bilder) Emailplättchen verziert, die allesamt die Gemeinschaft der Heiligen oder auch ihre Tugenden ausdrücken sollten. Auf dem Dach des Schreins befindet sich ein Kamm, der mit Dämonen und Teufelchen verziert ist. So erkennt man zum Beispiel auch den heidnischen Götterboten Hermes mit seinen kleinen Flügeln am Kopf. Warum Dämonen? Eine Vermutung ist die, dass man in ihnen eine Anspielung auf Psalm 96,5ff. sehen könnte: 

„Alle Götter der Heiden sind nichtig, der Herr aber hat den Himmel geschaffen. Hoheit und Pracht sind vor seinem Angesicht, Macht und Glanz in seinem Heiligtum.“ 

Der Kamm wird von fünf Knäufen überragt, die viel Spielraum für Deutungen zulassen. Am wahrscheinlichsten gilt, dass die Knäufe Abbilder der damals bekannten und mit bloßem Auge sichtbaren Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn sind. Die Erde darf man nicht mitrechnen, da man einst der Meinung war, alles würde sich um die Erde drehen. 

Der Annoschrein erlebte eine wechselhafte Geschichte und das er noch heute in der Abteikirche zu sehen ist, verdanken die Siegburger unter anderem einer Frau Reute. Denn am 13.05.1812 sollten alle Siegburger Schreine auf Anordnung der weltlichen Obrigkeit in die Pfarrgemeinde Birk gebracht werden, jedoch wehrten sich die Siegburger erfolgreich und Frau Reute musste für den heiligen Anno ein Jahr im Gefängnis sitzen. In den Jahren 1918 bis 1924 waren alle Schreine in den Kellern der St. Anno – Kirche untergebracht, wo sie von einem Pilz befallen wurden, der die Schreine bis in unsere Zeit langsam von innen heraus zerstörte. Es handelt sich dabei um den „Echten Hausschwamm“ (Serpula lacrymans), der sich bei Feuchtigkeit rasch ausbreitet und gravierende Schäden am Holz verursacht. Im Februar 1996 stellte eine Fachkommission fest, dass man beim Anno-Schrein „durch die gravierenden Schäden am Holzkern um die Stabilität fürchten müsse.“

Im Jahre 1999 wurde der Schrein geöffnet, die Reliquienlade entnommen und der Schrein in die Kunstschmiede des Kölner Doms gebracht, wo er in fast achtjähriger Arbeit aufwendig konserviert wurde.

Im April 2007 kehrte der Schrein wieder in die Abtei zurück, wo die kleine Reliquienlade mit den sterblichen Überresten des heiligen Annos wieder eingesetzt wurde. Nun ruht der Schrein in einer Seitenkapelle, sicher verwahrt in einer teilklimatisierten Vitrine und die Mönche der Abtei Michaelsberg ehren ihren Klostergründer jeden Freitag mit einem alten lateinischen Anno-Hymnus. Darin heißt es an einer Stelle:

„Ein seliger Bischof in der Tat. Der Himmelbürger nun Gefährte; des Herzens und des Leibes Augen schauen offen Gottes Herrlichkeit.“

Wir müssen den heiligen Anno nicht lieben, wir müssen ihn nicht unbedingt verehren, aber wir sollten ihm dankbar sein. Denn was wäre Siegburg ohne seinen Michaelsberg? Was wären unsere Gottesdienste, wenn wir nicht, wie einst der Dichter Joseph Mohr im Angesichte der Abtei, aus vollem Herzen singen könnten:

„Ein Haus voll Glorie schauet weit über alle Land, aus ewgem Stein erbauet von Gottes Meisterhand?“

Tipp: Schatzkammer

Empfehlenswert ist auch ein Besuch des kostbaren Siegburger Kirchenschatzes von Sankt Servatius. 

Die Siegburger Kirchengemeinde stellt in der Schatzkammer der Servatiuskirche unterhalb des Abteiberges herrlichen Schreine, Tragaltäre und Reliquien nebst den Kelchen, Monstranzen und Stoffen aus.

Schatzkammer St. Servatius
Mühlenstraße 6 
53721 Siegburg 
Telefon: 02241 - 66835 
(nur während der Öffnungszeiten) 
E-Mail: 
schatzkammer@servatius-siegburg.de 

Öffnungszeiten: Sonntag 11:15 - 12:15 Uhr

Direktlink zum Webangebot von Sankt Servatius.